Es hat lange gebraucht, bis ich mich traute, diesen Schritt überhaupt zu denken. Doch als ich es tat, wusste ich, diese Entscheidung würde die richtige sein. Die beste, die ich treffen könne. Ich wechselte meine Einsatzstelle. Und trotz dieser Sicherheit fällt mir eine Begründung noch immer nicht leicht. Ich hatte einen Punkt erreicht, an dem ein Wechsel unausweichlich erschien. Die Situation war komplex. Hat sich im Laufe vieler Monate entwickelt. Viele Akteur:innen waren involviert. Den Versuch einer Erklärung werde ich wagen. Doch ich kann im Rahmen dieses Blogeintrags, Zusammenhänge nicht in aller Vollständigkeit abbilden. Ich versuche, mich von Eurozentrismus zu befreien und trotzdem reflektiere ich aus einer westlich sozialisierten Perspektive heraus. Kolleg:innen, Chefin, Mentorin, Kirche, Freund:innen. Sie alle werden anders auf die Situation blicken. Das kann ich nicht vermeiden. Bin nicht dazu befähigt, all das abzubilden. Und so schreibe ich aus meiner persönlichen Perspektive heraus. Kann nur das inkludieren, was ich selber erlebt habe. Als Freiwillige, die erst seit sechs Monaten in diesem Land ist. Und letztlich erfolgte ein Einsatzstellenwechsel vor allem auf Grundlage meiner Perspektive und dennoch ist diese bei Weiten nicht die ganze Wahrheit.
Als Erstes kommt mir das Wort „Hierarchien“ in den Sinn. Meine Beurteilung basiert auf eigenen Erfahrungen, die sich mit den Berichten meiner indonesischen Mitfreiwilligen decken. Basierend auf den Kulturdimensionen nach Hofstede scheint „das Maß der Machtdistanz“[1] in Indonesien, ein deutlich größeres als in Deutschland zu sein. Zumindest auf Grundlage allgemeiner Tendenzen. Das spiegelt sich schon in der Sprache wider. Dem Namen der:des älteren Gesprächspartner:in werden je nach Alter und Geschlecht „Ibu“ [Mama], „Bapak“ [Vater], „Abang“ [Bruder] oder „Kakak“ [Schwester] vorangestellt. Die Ausdrücke variieren je nach Region etwas, stehen im Allgemeinen aber für den Respekt gegenüber Älteren. Aus demselben Grund führen Jüngere zur Begrüßung meine Hand an ihren gesenkten Kopf. Und auch mein Arbeitsumfeld und die Strukturen der Kirche sind stark hierarchisch organisiert. Ich habe bisher nicht erlebt, dass Entscheidungen höherer Ebenen infrage gestellt oder offen kritisiert wurden. Geht es um die Versetzung einer Pastorin oder die Umstrukturierung des Arbeitsalltags im Asrama, Gegenrede höre ich nur in vertrauten Kreisen. Allgemeine Kritik an den Organisationsstrukturen wurde hingegen in meiner Anwesenheit noch nie geäußert.
Als Freiwillige muss ich mich selber diesen Hierarchien unterordnen und stehe gleichzeitig außerhalb. Zumindest, wenn ich das Ziel der Integration verfolge. Man darf nie vergessen, dass mir eine Sonderstellung zukommt. Ich komme aus einer fremden Kultur. Gerade in der ersten Zeit war ich auf große Unterstützung angewiesen. Ich bringe Perspektiven und Erfahrungen mit, die sowohl in Einsatzstelle als auch Kirche sehr willkommen sind. Gleichzeitig muss auch ich Weisungen höherer Ebenen Folge leisten. Meinen Platz in den hierarchischen Systemen finden. Ich merke bereits, wie sich das in Verhalten, Sprache und Gesten widerspiegelt. Es passiert schon ganz instinktiv. Wenn ich auf der Straße an jemanden vorbeigehe, bücke ich mich, den linken Arm am Körper, mit dem rechten den Weg bahnend[2] und rufe ich mit hoher Stimme „Permisi“ [Entschuldigen Sie bitte]. Spreche ich mit Pastor:innen, findet das hierarchische Gefälle in der stetigen Erwähnung der Position meines Gegenübers Ausdruck:
Ich: Pendeta, udaii melehe [Pastor:in, ich habe bereits Hunger]
Pastorin: Eta ita man [Lass uns essen]
Ich: Ue, Pendeta [Ja, Pastor:in]
Und mittlerweile sind die Gesten nicht mehr ungewohnt, Ausdrücke ganz natürlich und auf ein leicht unterwürfiges Verhalten kann ich flexibel zurückgreifen. All dem habe ich mich angepasst. Bis zu einem gewissen Maß zumindest. Denn Integration kann aus keiner Sonderstellung erfolgen.
Assimilation, Integration, Separation. Ein ständiges Abwägen und Reflektieren. Die Beziehung zu meiner Chefin aber ist der Grund, warum mich dieser Prozess belastet. Um Haltungen nachzuvollziehen, sind ein paar Vorabinformationen notwendig: Meine Chefin leitet „Alpha Omega“ noch nicht sehr lange. Erst 2 Jahre sind seit ihrer Versetzung vergangen. Nach den Berichten der Angestellten unterscheidet sich ihr Führungsstil in Kommunikation und Kontrolle deutlich von dem ihres Vorgängers. Darüber hinaus hatte sie meiner Mentorin nach bislang keinen längerfristigen Kontakt zu Menschen fremder Kulturen. Ich schätze, das ist einer der Gründe, die bis heute zu einer starken Unsicherheit im Umgang mit mir führen. Gleichzeitig genießen die VEM und die damit verbundenen Freiwilligendienste ein sehr hohes Ansehen. Dass die Beziehungen von Organisation, Kirche und mir als Freiwillige für sie bis heute nicht einschätzbar sind, vermute ich stark. Schon im Oktober bekam ich durch verschiedene kirchliche Akteur:innen mit, dass ihr ihre Verantwortung für meine Person großes Unbehagen bereitet. Ich gehe davon aus, ihr strenges Regelwerk war der Versuch, diesen Unsicherheiten entgegenzusteuern. So bekam ich Arbeitspläne von 40 Wochenarbeitsstunden, wobei ich mit Abend- und Wochenendveranstaltungen deutlich mehr arbeitete. Meine Chefin schlug vor, zum Ausgleich könne ich mir zusätzlichen Urlaub nehmen. Auf Reisen würde ich dann für mich selber verantwortlich sein. Doch um die Umsetzung der Verabredung muss ich noch immer kämpfen. Als deutlich einschneidender empfand ich jedoch, das Verbot für Mitarbeitende, mich außerhalb des Wohnheimes zu treffen. Menschen ohne Anstellung bei „Alpha Omega“ war dies nur gestattet, wenn sie vorab um ein Vorstellungsgespräch bei meiner Chefin baten. Alleine durfte ich das Gelände nicht verlassen.
Für all das hatte ich anfangs Verständnis. Ich komme aus einer fremden Kultur. Konnte Situationen und Menschen noch nicht einschätzen. Und das in einem ländlichen, ärmeren Gebiet, in dem Weiß sein, ein Alleinstellungsmerkmal ist. Natürlich gab es Gründe, sich Sorgen zu machen. In Juma Lingga lebe ich zudem mit Feldarbeitern, dem Betreuungs- und Verpflegungspersonal zusammen. Sie alle arbeiten im Schnitt 60 Stunden pro Woche. Warum sollten für mich andere Arbeitsbedingungen gelten? Also beschloss ich, geduldig zu sein. Erstmal abzuwarten. Ich sagte mir, es würde Zeit brauchen. Zeit, bis meine Chefin mich kennenlernt, mich einzuschätzen weiß. Zeit, bis sie Vertrauen fasst. Ich nutzte jede Gelegenheit, um mit ihr in den Kontakt zu treten. Ich kommunizierte alles, was ich machte, fragte bei Kleinigkeiten um Erlaubnis, arbeitete, wann immer ich konnte. So lebte ich monatelang. Doch leider änderte sich wenig. Das Verlassen des Geländes stellte auch Ende des Jahres noch ein Problem dar. Ihre Kommunikation war für mich nicht verständlich. Ein Einfluss auf meinen Arbeitsplan wurde mir verwehrt. Nun ist es so, dass Konfliktlösung hier ganz anders gestaltet wird, als ich es gewohnt bin. In alltäglichen Gesprächen wird über Körpermerkmale und Liebesbeziehungen für mich überraschend direkt gesprochen. Doch dies kontrastiert mit der bei den Karo gelebten Konfliktkultur. Hier scheint die Gesichtswahrung des Gegenübers das oberste Gebot zu sein. Ein Beispiel wird es verdeutlichen: Ich war nicht damit einverstanden, nichts mit meinen Kolleg:innen unternehmen zu dürfen. Doch das sprach ich nicht bei meiner Chefin an. Nein, ich musste mich an eine andere Person wenden. In diesem Fall meine Mentorin. Sie setzte sich mit meiner Chefin und dem Vorstand zusammen. Ein Kompromiss sollte schnell gefunden, Harmonie wiederhergestellt werden. Später kam meine Mentorin erneut auf mich zu und informierte mich über Besprochenes. Was mich im Zuge dieses Dissens aber am meisten überraschte, waren die Reaktionen meiner Kolleg:innen. Immer wieder hörte ich Sätze, wie „Lass uns nachgeben“, „Entschuldige dich lieber“, „Wir müssen stark sein“ oder „Es ist nur ein Jahr“. All das implizierte eine Unantastbarkeit der Führungsebene und ein so starkes Harmoniebedürfnis, das mich noch immer staunen lässt. Das Verbot konnte ich so zwar formal negieren, doch bis heute wirkt es nach. Ich darf außerhalb der Arbeit nicht mit Mitarbeitenden gesehen werden, sonst hat das für sie negative Konsequenzen. Und auch an Ausgangsbeschränkungen änderte sich nichts. Immer wieder dachte ich, zumindest unsere Kommunikation würde sich entwickeln. Dann führte ich ein Gespräch, sah eine Nachricht, hörte von Reaktionen im Hintergrund und hatte das Gefühl, wir seien wieder ganz am Anfang. Lange versuchte ich, geduldig zu bleiben. Immer wieder ging ich ins Gespräch über Sinn und Potenzial von Freiwilligendiensten. Ich erklärte Strukturen der VEM und versuchte so, Transparenz herzustellen. Ich berichtete, wie Freiheit in Deutschland verstanden wird. Betonte den Stellenwert eines Lebens neben der Arbeit für mich als Individuum. Sprach über den Wert von Freundschaft. Ich kommunizierte und kommunizierte. Über Monate hinweg. Zu Beginn dachte ich, das sei nun mal ihre Kultur. Eine Kultur, über die ich noch immer sehr viel lernen muss. Ich wusste aber auch, dass ich unter diesen Umständen hier nicht glücklich werden konnte. Ein Jahr war eine zu lange Zeit, um das auszuhalten. Ich hoffte, einen Mittelweg finden zu können. Einen Mittelweg, der ihr Vertrauen erleichtert und mir Wohlbefinden garantiert. Doch Tage und Monate vergingen und es änderte sich kaum etwas. Immer stärker verstand ich, wie ein für mich fremdes Freiheitsverständnis, eine disparate Arbeitskultur und neue Kommunikationswege den Alltag der Karo prägen. Und ich verstand auch, dass die Ausprägung, die ich bei „Alpha Omega“ erlebte, nicht der Norm entsprach. Irgendwann schaltete ich die Kirche erneut ein. Es folgte ein weiterer Monat, in dem ich wie bisher verfuhr. Nur wurde jetzt im Hintergrund immer wieder das Gespräch zu meiner Chefin gesucht. Von meiner Mentorin und einflussreichen Kirchenmitgliedern. Leider ohne nennenswerte Erfolge. Im Dezember wurde es dann immer schwieriger für mich. Meine Energie schwand. Meine mentale Gesundheit litt immer stärker unter den Lebensumständen. Ich spürte, wie mir die Kraft fehlte, weiterzukämpfen. Es war, als würde ich einfrieren.
Als ich das reflektierte, wagte ich zum ersten Mal den Schritt eines Einsatzstellenwechsels zu denken. Es war Zeit, die eigene psychische Gesundheit zu priorisieren. Es war Zeit für Selbstfürsorge. Ein Wechsel fühlte sich richtig, fühlte sich notwendig an. Dennoch wartete ich ab. Wog Konsequenzen ab. Tauschte mich mit anderen Freiwilligen aus. Anfang Januar bat ich dann um eine Versetzung. Dankbar bin ich dafür, wie meinem Urteil vertraut und meine Wünsche beachtet werden. Es war Zeit, Verantwortung für das kommende halbe Jahr zu übernehmen. Und ich spüre, dass es die richtige Entscheidung war.
Wenn ich diese Zeit reflektiere, wird mir klar, dass die letzten Monate zu den herausforderndsten meines Lebens gehörten. Ich werde die schwierigsten Tage nicht vergessen. Werde die Verletzbarkeit nicht vergessen. Die vielen Emotionen. Aber das Gleiche gilt für aufgebrachte Geduld und Rücksicht. Für die Bewältigung. Vor allem sehe ich, wie sehr mich die Zeit wachsen lassen hat. Neben interkulturellen Kompetenzen habe ich eine ganz neue Verbindung zu meinem Inneren aufbauen können. Habe ein starkes Selbstbewusstsein im wahrsten Sinne des Wortes entwickelt. Ein Wissen über innere Stärke. Diese Lebensumstände haben mich eigene existenzielle Bedürfnisse und fundamentale Werte erkennen lassen. Und vielleicht war es der radikale Systemwechsel, der mir nun eine Idee davon gibt, was für mich im Leben wirklich wichtig ist. Und dann ist auch noch so viel Wunderbares passiert. Tiefgreifende Freundschaften zu Indonesier:innen und Mitfreiwilligen gleichermaßen. Das Gefühl, die Kinder beim Betreten des Wohnheimes voller Freude „Ka Maria!“ rufen zu hören. Ein Kollegium, das sich wie eine Familie anfühlt. Diese Menschen zu verlassen, wird mir unglaublich schwerfallen. Ja, das halbe Jahr war sehr herausfordernd, aber gleichzeitig auch voller Abenteuer, Liebe und Wachstum.
[1] https://www.ikud.de/glossar/kulturdimensionen-geert-hofstede.html (letzter Zugriff am: 10.02.2024)
[2] Zurückzuführen ist diese Geste auf die Verwendung der rechten Hand zum Essen und der linken Hand auf der Toilette.
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